Was sich in der ersten Folge von „Game of Chefs“ angedeutet hat, wurde in der zweiten Sendung sogar noch auf die Spitze getrieben. Das Bewertungsschema ist so skurril, dass ich fast schon zu dem Schluss kommen muss, hier keinen fairen Wettkampf mehr zu beobachten.

Versprochen wurde vom Sender vorab ein Konzept, welches man so noch nie im deutschen Fernsehen gesehen hatte. Frische Ideen sollten für ein gänzlich beispielloses Fernsehvergnügen sorgen. Groß war vorab das Interesse. Was dann aber gezeigt wurde, war mit Sicherheit beispiellos, wenn gleich nicht im positiven Sinne. Man erlebte drei Sterneköche (Christian Lohse, Christian Jürgens, Holger Bodendorf) welche Ihrer Jurorentätigkeit auf höchst unterschiedlichste Weise verstanden haben müssen. Während Christian Jürgens allen voran die für mich seriöseste Art der Speisenbewertung vornahm, musste ich bei Christian Lohse stets und ständig die Stirn über gezeigte die hier Argumentationskette runzeln. Ich hoffte auf ein paar Startschwierigkeiten und vertröstete mich auf die nächste Folge, in der Hoffnung, dass sich das noch geben würde.

In dieser aktuellen Folge nun wurde es noch bizarrer. Gleich die ersten zwei Kandidaten ließen die Tester in ihrer Neutralität auflaufen. Katja Burgwinkel, Küchendirektorin, lieferte eine respektable Zusammenstellung ab, hatte aber das Essen im Einklang aller 3 Sterneköche arg versalzen. Noch nicht mal eine Sauce hatte sie für diesen Gang geplant, auch das wurde kritisiert. Trotzdem ließ man sie gewähren. Einem der Köche war sie auch bekannt, Holger Bodendorf kochte bereits zweimal mit ihr. Die folgenden eingeblendeten Zitate ließen mich an der Unvoreingenommenheit der Juroren zweifeln, da allesamt abschließend in den höchsten Tönen von Ihr schwelgten, obgleich sie doch starke Würzfehler gezeigt hatte. Das wäre im Großen und Ganzen noch verständlich, würde man das mit allen Kandidaten so handhaben. Dem ist meiner Meinung nach aber nicht so. Das zeigt die Auseinandersetzung mit dem Gang von Lucas Kaminski aus Rust, der aufgrund seiner portugiesischen Herkunft sich einem Eintopf aus seiner Heimat als Thema ausgesucht hatte. Diesen hatte er nun auf eine zeitgemäße leichte Version abgeändert und den kulinarischen Richtern präsentiert.

Schon rein optisch konnte man mit geübtem Auge erkennen, dass der Fisch (Konfierter Kabeljau mit Caldereidasud) optimal auf den Punkt gegart war. Jeder aß den Teller, Herr Lohse meinte dabei sogar, der Kandidat müsse doch aus einem Sternerestaurant in Berlin kommen, da doch alles perfekt sei. Doch dann kommt für Christian Lohse der Haken an diesem Teller:

„Perfektion kann doch sehr langweilig sein, aber sehr langweilig sein.“

Auch Bodendorf schließt sich Lohse an, und spielt die Leistung runter, vergibt aber dennoch das Messer, ebenso wie Jürgens. Herr Lohse behält seines, er ist gelangweilt. Das ist absolut nicht nachzuvollziehen. Bei der anschließenden Beurteilung in Front des Teilnehmers betont Lohse erneut seine Einstellung zu diesem Teller:

„Wenn Küche nur gefällt, dann ist das langweilig.“

Was bitteschön ist denn dann das Ziel dieser Veranstaltung. Man stelle sich Herrn Lohse als Prüfer bei der IHK für Kochauszubildende vor, der dem angehenden Koch durchfallen lässt, weil der Teller ihm gefällt, dem Kontrolleur aber die Reizpunkte fehlen. Fachlich ist alles auf einem Topniveau, aber er ist der Makellosigkeit überdrüssig, was für ein Affront gegenüber erbrachter Kochkunst. Insofern wird hier in meinen Augen nicht die Leistung nach möglichst objektiven Gesichtspunkten, wie angewandte Techniken, Optik, Sensorik oder Schwierigkeitsgrad unterschieden, sondern stellt sich das für mich als eine absolut beliebige Veranstaltung dar, die noch nicht mal den Ansatz verfolgt, einen fairen Wettbewerb zu stellen.

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Christian Lohse © VOX/Benno Kraehahn

Nochmal, es wäre eigentlich noch nicht mal allzu schlimm, diene diese Show der reinen Unterhaltung. Für die Zuschauer tut sie ja auch nicht mehr. Jedoch ist es für die Kandidaten ein Wettkampf um 100.000 Euro, lediglich diese Summe, die unter Garantie das Leben eines jeden Teilnehmers komplett umkrempeln würde, setzt doch eine vernünftige und saubere Bewertung voraus.

Ein Kandidat hat sogar 11 Monate unter Herrn Jürgens gearbeitet. Offensichtlicher kann sich eine Befangenheit kaum noch darstellen und deswegen müsste man einen Ausschluss bei „Game of Chefs“ aufrichtig in Erwägung ziehen. Eine neutrale Beurteilung ist hier doch nicht mehr zu machen.

Aber nicht nur die Bewertung scheint hier ad absurdum getrieben zu werden. Offensichtlich gab es die Möglichkeit, bereits zuvor gekochte Lebensmittel mitzubringen. Ein Teller wurde mit Sousvide gegartem Fleisch zubereitet, das ist normalerweise in einer Stunde bei der Größe des dort gezeigten Fleisches nicht zu schaffen, zumal sich dieser Mitstreiter auch noch viel Zeit mit Dekorationen lies. Man kann bei solchen bereits zubereiteten Produkten freilich schlecht beurteilen, wer denn genau für die Produktion für dieses und jenes zuständig war. Aber um das genau zu beurteilen, müsste man viel mehr vom eigentlichen Zubereitungsvorgang sehen, das geschieht hier nur ansatzweise. Fragen sich die Produzenten dieser Kochsendung nicht, inwiefern man hier ganz klar den Wettbewerb verzerrt?

Johannes Oborovskis Gericht: Schwarzwurzelsuppe © VOX/Andreas Friese

Und ob es jetzt überhaupt Sinn ergibt, einen Koch (Lohse) zum Juror zu ernennen, welcher glaubt aufgrund seiner Herkunft nahe einer „Steckrübengegend“ dieses Gemüse bei der kredenzten Suppe felsenfest erkannt zu haben, dann aber doch noch sich feiernd korrigiert, als der Kollege (Bodendorf) dann den Kohlrabi als Geschmacksträger diagnostiziert, mag man in dem Moment gar nicht mehr klären wollen, gerade weil der Kandidat zuletzt einräumt die Schwarzwurzel verarbeitet zu haben. Aber wie Christian Lohse schon sagt:

„Schwarzwurzel ist schwer zu erkennen.“

In diesem Sinne geht es nächste Woche weiter.

PS: Auch sehr lesenswert über Casting- Shows im Allgemeinen in Bezug zu diesem Sendeformat ist der Artikel von Oliver Jungen, welcher im F.A.Z. Feuilleton dieses unter die Lupe nimmt. Ich wundere mich ebenso über die doch arg vielen Fleischkompositionen.
Zudem habe nich während der Sendung mit wahrer Freude mein Bullshit Bingo ausgewertet, so einige wurden erwartungsfroh erfüllt, vor allen mein Lieblings- Statement:

“Kochen ist mein Leben!”

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Author

Steffen Sinzinger

Steffen Sinzinger, Jahrgang 1980, ist ein in Berlin lebender Küchenchef und seit nun mehr als 8 Jahren ein passionierter Foodblogger. In der deutschsprachigen Bloggerszene ist er ein fester Bestandteil und spricht mit seinen breitgefächerten Themen sowohl die professionellen Köche als auch die am heimischen Herd kochende Fraktion an.

6 thoughts on “"Game of Chefs" – Mit dem falschen Fairständnis für gute Leistung

  1. […] zeigt sich von der Show wenig ange­tan. Vor allem am Bewer­tungs­schema übt er Kri­tik. Ber­li­ner Spei­se­meis­te­rei (Kri­tik), Ber­li­ner Spei­se­meis­te­rei […]

  2. Katrin Nahm on 24. März 2015 at 22:42 Antworten

    Sehr gutes Statement zum Sendeformat und im speziellen zu dem, in meinen Augen, großen Profilneurotiker Lohse.

    Ich verfolge, als engagierte Hobbyköchin, das Format von Anfang an. Lohse ist mir aus den selbem Gesichtspunkten, die bereits hier angeführt wurden, negativ aufgefallen. Hinzu kommt, dass Lohse nicht nur in seinen Bewertungen in den Blindverkostungen äußert obskur ist, sondern selber mit seinem Team mit extremen unfairen, um nicht zu sagen betrügerischen Mitteln, kämpft. Als er mit seinem Team im Einzelkochen gegen Bodendorf antrat, kennzeichneten seine Teammitglieder ihre Gerichte alle mit einer blauen Blume, so dass Lohse genau wusste, welche Teller von Team rot stammten und diese entsprechend negativ bewertete. Dem ganzen unfairen Verhalten setzte er heute die Krone auf, indem er die Idee des gebratenen Eigelbs von Team grau klaute und hinter vor gehaltener Hand zu seinem Tram sagte, dass machen wir jetzt auch schnell noch. Dieses Ei war neben der Trüffel, die in allen Komponenten vorkam, das ausschlaggebende Element bei der Bewertung der Musiker.

    Ich genieße es, des öfteren in einem ‘hochwertigen’ Restaurant zu Essen und mir die eine oder andere Idee zu holen. Jedoch eins weiß ich, Lohse gehört neben dem zweiten Profilneurotiker Lafer ganz sicher nicht dazu.

    Hoffe im Sinne der Fairness, obwohl die Teammitglieder nichts für ihren zweifelhaften, unfairen Chef etwas können, dass keiner aus Team schwarz letztendlich gewinnt.

  3. Tyrannon on 1. April 2015 at 00:22 Antworten

    Ist das “langweilig” denn nicht auf den Geschmack bezogen?

    Das Essen kann optisch noch so toll aussehen, aber wenns schmeckt wie ne lahme Socke, … dann ists halt einfach langweilig.

    Mir sind die anderen Köche abgesehen vom Jürgens auch eher unsympathisch, von Betrug würde ich da aber wirklich nicht sprechen.

    1. Steffen Sinzinger on 1. April 2015 at 00:26 Antworten

      Ich deute es so, dass das “langweilig” auf einen komplett makellosen Teller bezogen wurde. Will heißen, ein Teller ohne Ecken und Kanten, ohne Fehler, ohne Kritikmöglichkeiten erscheint ihm da wohl für mich “langweilig”.

  4. andrea stalder on 21. April 2015 at 23:34 Antworten

    Nachdem ich mir heute das Halbfinale angesehen habe,muss ich davon ausgehen dass die Bewertung wirklich schon unter Betrug fällt und der Sieger meiner Meinung auch schon feststeht!Vroni hat den schlechtesten Teller der zweiten Runde gekocht und kommt im dritten Gang in ein Viererfinale-da fehlen einem echt die Worte……

  5. Martha Röhl on 23. April 2015 at 15:35 Antworten

    Als professioneller Koch sieht man die Sendung sicherlich mit anderen Augen, aber mir gefällt. sie.

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