Kochbuchrezensionen zu verfassen ist nicht immer leicht. Man sollte möglichst unvoreingenommen sein und den Blick nicht allzu eng auf die Sicht der Dinge haben, denn ein Vegetarier wird sicherlich kein überschwängliches Urteil bei einem Buch über Kalbsrouladen abliefern.

Krautkopf
Screenshot vom besagten Artikel (1. November 2015) – Man liest vor diesem Beitrag besser das Urteil der “Zeit” Redaktion.
Die meisten Kochbuchbesprechungen finde ich heutzutage gar nicht mehr in der hiesigen Presse sondern online bei Bloggern, die ihrer persönlichen Passion, den Kochbüchern, nachgehen. Oft sind diese verfassten Berichte nicht immer nach journalistischen Standards geschrieben, das müssen sie auch nicht. Treffe ich dann doch einmal auf Buchbesprechungen in größeren Medien, möchte ich aber, dass diese Regeln berücksichtigt werden, ganz gleich, ob es unter das Feld Meinungsfreiheit gehört oder nicht.

Esben Holmboe Bang (1 von 1)„Kraut | Kopf
vegetarisch kochen und genießen.

Susann Probst & Yannic Schon

Hölker Verlag
2015, Münster
216S., gebunden, 29,95 €
ISBN: 978-3881179553
amazon

 

Heute traf ich im „Zeit- Magazin“ auf eine Besprechung, die mir mehr als grenzwertig erscheint und für mich so gar nicht objektiv wirkt.

Beim Titel „Hänsel und Gretel am Herd“ geht es auch gleich los. Was dieser höchst plakative Titel mit den beiden Autoren gemein haben soll, erschließt sich mir erst am Ende des Textes, dazu später mehr.

Für die Autorin dieses Beitrags scheinen Susann und Yannic ein inszeniertes Leben zu führen. Sie bestreiten für sie offensichtlich ein Pflichtprogramm in Sachen Kochbuchlektüre, welches das Thema regional und saisonal primär aufgreift.

Für mich sind die beiden mitunter die kreativsten Foodblogger im deutschsprachigen Raum, die mit den für sie zur Verfügung stehenden Lebensmitteln höchst anspruchsvolle und nachvollziehbare Kochkunst vollführen. Dass die Bandbreite sogar noch stark eingeschränkt ist, da es sich bei beiden um Vegetarier handelt, welche auch auf weißen Zucker und Mehl verzichten, erhöht den Schwierigkeitsgrad beim Kochen ungemein, tolle Rezepte sind da für meine Begriffe immer sehr willkommen.

Offensichtlich hat die Autorin dieses Beitrags Eva Biringer einige Rezepte nachgekocht und zuerst Probleme gehabt, die Produkte zur entsprechenden Jahreszeit zu besorgen und zweitens beim Umgang mit Lebensmitteln, Schwierigkeiten gehabt, diese zu verarbeiten. Das Schwarzwurzeln eine Sauerei hinterlassen, wird ja im Buch nicht verschwiegen, aber ihr Fazit zur Zubereitung des „fruchtigen Schwarzwurzelcurrys“ klingt da ziemlich vorwurfsvoll, als würde das Rezept sowas verschweigen. Ganz im Gegenteil erklärt das Paar, dass bei vorherigem Garen das Schälen nicht so unangenehm ist.

Auch ist in ihren Zeilen von Schummelei die Rede. Wird dort ein Maisbrei, der statt aus Maisgrieß mit rohen Maiskörnern du Parmesan gekocht ist, als „frische Polenta“ betitelt.

Nun gut, Polenta ist im Prinzip aus getrocknetem Mais. Bei der Titelfindung wird man sich wohl gedacht haben, wie man das Gericht am Besten dem Leser kommuniziert. Maisbrei, Maispampe oder Maismus klingt da nicht so sexy wie „frische Polenta“ ist aber im Wesentlichen aus den selbigen Zutaten hergestellt und für mich nicht ganz so arg geschummelt.

Sie scheint auch mit dem Buch prinzipiell auf Kriegsfuß zu sein, da sie sich gerne die Bärlauchgnocchi im Herbst zubereiten möchte, und diesen logischerweise ganz weit außerhalb der Saison nicht bekommt. Deswegen steht dieses Rezept auch im Kapitel des Frühlings, das hat sie offenbar aber nicht ganz so genau genommen. Der Leser dieses Artikels bekommt es erstmal mit ihrem Unverständnis darüber zu tun. Sie hatte sich wohl sehr auf dieses Gericht im Oktober gefreut. Dieses Missverständnis geht hier wohl erstmal zu Lasten der Kochbuchautoren.

Auch die Frustration über nur schwer zu besorgende Artikel, wie Gelbe Bete, was ich nicht nachvollziehen kann, lässt sie Gerichte wie die „Kürbis-Gelbe-Bete–Suppe“ nur ansatzweise nachkochen. Zudem lösen bei ihr das Frittieren der Bete-Chips bei 160°C heißem Fett den Rauchmelder aus. Da kann ich nur empfehlen, den Rauchmelder in der Küche zu deinstallieren, da hat er nämlich eh nichts verloren, und die Temperatur des Frittierfettes am besten mit einem Thermometer zu überwachen. Mir ist noch nie bei ordnungsgemäßer Handhabung derartiges wiederfahren, denn optische Unterschiede zwischen Rezept und Ergebnis liegen zumeist in der Natur des Anwenders und nicht wie behauptet des Kochbuchs.

Ich habe auch noch nie erlebt, dass höchst subjektive Geschmackseindrücke dazu führen, dass ein Kochbuch dann deswegen bewertet wird. Fachlich untermauerte Kritik lese ich sehr gerne aber Phrasen wie „Der Boden lässt zu wünschen übrig, aber gegen die kleinen Unfälle in der Küche ist leider auch in Krautkopf kein Kraut gewachsen …“ lassen eher darauf schließen, dass hier und da die eigenen Missgeschicke den angeblich schlecht geschriebenen Rezepten angehangen werden.

Wenn handwerkliches Unglück und der unter Umständen anschließende Frust dazu führt, dass ein Buch derart verzehrt dargestellt wird, sollte man vielleicht in Zukunft davon absehen, solch reißerischen Artikel zu verfassen. Erst recht, wenn dieses Werk abschließend als großes Märchen deklariert und der Vergleich zu Hänsel und Gretel gezogen wird. Das ist kein guter Journalismus und lange nicht objektiv, ganz gleich ob man denn etwas von dieser Art zu Kochen hält oder nicht.

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Steffen Sinzinger

Steffen Sinzinger, Jahrgang 1980, ist ein in Berlin lebender Küchenchef und seit nun mehr als 8 Jahren ein passionierter Foodblogger. In der deutschsprachigen Bloggerszene ist er ein fester Bestandteil und spricht mit seinen breitgefächerten Themen sowohl die professionellen Köche als auch die am heimischen Herd kochende Fraktion an.

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