ORA

Berlin ist wirklich wunderbar. Selbst als eingefleischter Szenegänger, wird man immer wieder überrascht von einzigartigen Konzepten, welche nicht erst seit gestern bestehen und dennoch bisher unentdeckt blieben. Wenn ich mir überlege, wie bekannt doch das ORA eigentlich ist, frage ich mich, wie es sein kann, dass ich davon bisher nichts mitbekommen habe. Wie so oft kam ich durch eine Instagram-Impression von Heiko auf diesen Ort.

Aus einer Apotheke wird ein Liebhabercafé

Es ist kalt. Der Herbst ist in Berlin angekommen, und er begegnet mir nass und kalt. Ich habe mich an diesem Freitag mit Christoph, einem der zwei Betreiber des ORA`s, per Mail verabredet. Ich wollte mir an diesem Tag dieses Schmuckstück, welches die letzten zwei Jahre komplett von meinem Radar nicht erfasst worden ist, endlich besuchen, um Fotos von innen anzufertigen und um eben die Geschichte hinter dieser eigenartigen Lokalität zu erfahren. Dieses Café ist nämlich einrichtungstechnisch gesehen die alte Apotheke geblieben, welche sie lange Jahre war.

 

Wer die steile Eingangstreppe und rote Tür hinter sich gelassen hat, wird sofort von diesem traumhaften Ambiente ergriffen. Zur Linken breitet sich der großzügige Gastraum aus, hier gibt es viele Tische zum entspannten Genießen. Zur Rechten eröffnet sich der Blick auf den Tresen mit so einigen Holzhockern und dunklen Ledercouches an der Seite. Einige Metallhocker bieten alternativ Platz. Das dunkle Holz der Apothekerschränke, der detailreiche Stuck an der Decke aus der Gründerzeit, die großen Spiegel und vielen Gefäße, Flaschen und Behälter in den Regalen fügen sich dieser unverwechselbaren Stimmung. Hier herrscht stets ein reges Treiben.

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Das hat natürlich auch mit den ausgestellten frankophilen Köstlichkeiten inmitten der Vitrine zu tun. Hier wird dem Besucher nachmittags so manches von dieser westeuropäischen Backkunst angeboten. Von Financiers, über Madeleines, Tartes oder auch Canneles.

Für das Gespräch ziehen wir uns in den wohl schönsten Raum dieses Lokals zurück. Hier haben wir es etwas ruhiger.

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Französische Esskultur

In den ersten zwei Jahren hat sich viel getan. Die Jungs haben aus den anfänglichen Herausforderungen gelernt und zum Beispiel das Küchenkonzept an die Gegebenheiten angepasst und weiterentwickelt. In diesem Jahr, so ist sich Christoph sicher, sind sie an einen Punkt angelangt, wo sie sich vom Küchenkonzept her in eine gute Richtung hinbewegen. Anfangs gab es die Idee, Gerichte im Weckglas zum Aufwärmen anzubieten.

Davon sind sie schnell wieder weg, da es ihnen so keinen Spaß machte, Essbares anzubieten und sie es ohnehin nicht als richtige Küche empfunden hatten. Sie entschlossen sich, eine richtige Küche einzubauen und immer wieder zu erweitern. Ihr dafür eingestellter Küchenchef Konstantin ist Franzose und kochte vorher unter anderem in der französischen Botschaft. Sie sind sehr happy mit ihm. Ihr Team ist international und Englisch ist die Küchensprache.

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Alles ist hausgemacht und großartig französisch

Kulinarisch gesehen wird hier vieles geboten. Es ist längst nicht nur ein reines Café. Unter der Woche bekommt man hier ab 12 Uhr den Lunch, ab 16 Uhr Kaffee und Kuchen und ab 18 Uhr wird die Dinnerkarte herausgegeben. Am Wochenende wird zudem noch ein Brunch angeboten.

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Regionalität steht mit ein paar wenigen Ausflüchten im Fokus. Dabei kommen freilich eine Menge französischer Techniken zum Tragen, das bringt der Küchenchef mit sich. Dennoch tut Christoph sich schwer, dem Konzept einen Namen zu geben. Insofern trifft es wohl “International Comfort Food” am Besten.

Die leerstehende Apotheke

Bevor hier dieses schöne “Brasserie”-Konzept entstehen konnte, standen diese Räumlichkeiten jedoch einige Zeit leer. Als Christoph, in der Nachbarschaft wohnend, dies mitbekam, meldete er sich bei der zuständigen Hausverwaltung, um ihr eigens kreiertes Exposé mit deren Vorhaben vorzustellen. Dabei räumt er ein, dass so einiges daran vielleicht etwas zu blauäugig gedacht wurde.

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So unterschätzte man den Umfang des ganzen. Sie hatten ursprünglich den Gedanken, einen Ort zu schaffen, an den man zu jeder Tageszeit kommen könnte. Ob es dabei morgens, mittags oder abends sei, sollte keine Rolle spielen. Die Türen mochten immer offen stehen und ein zu Hause bieten, indem man sich wohl fühlt. Doch davon ging man ein wenig ab. Solch ein Vorhaben bindet enorm viel Personal, das haben sie herausgefunden. Nun haben sie ab mittags geöffnet.

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Ein Gebäude mit Geschichte

Die ersten Bauten dieses Komplexes wurden bereits 1860 gebaut. In den folgenden Jahren wurde immer wieder etwas hinzu- bzw. umgebaut. Den beiden war es sehr wichtig, so viel wie möglich zu erhalten und dennoch nicht einen zu musealen Charakter zu erzeugen. Ab und zu werden auch typische Apothekerwerkzeuge und Hilfsmittel als Gag für den Tagesbetrieb eingesetzt. So kommen deren Weinkaraffen in Form eines Erlenmeyerkolbens zum Einsatz. Der sieht nicht nur witzig aus, sondern ist zudem günstig, sieht gut aus, ist leicht zu bekommen und verfügt zudem über einen Eistrich. Also hat er alles, was man braucht.

Die vielen Schubladen sind ebenso ein idealer Stauraum, der nicht selten auch zu etwas Konfusion beiträgt, wenn mal wieder nicht bekannt ist, in welche der unzähligen Fächer man nun die Rohrzange von vor drei Wochen hingelegt hat.

No WLAN – Keine Tischreservierung

Wer hier einkehrt soll sich endschleunigen. Das ORA soll kein Working-Space werden und daher bietet man an diesem Ort nicht die Möglichkeit an, sich in ein kostenfreies WLAN einzubuchen. Christoph möchte, dass die Leute sich in die Augen schauen. Ein Gast, welcher sich mit dem Laptop in das Café begibt, bereiten den Betreibern nicht besonders großen Spaß. Sie haben es lieber, wenn die Menschen miteinander interagieren. Sehr löblich.

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Kulinarisches Fazit

Kulinarisch habe ich lediglich die gebackenen Spezialitäten ausgetestet. Sie haben mir sehr gefallen und auch die Kaffeezubereitungen waren allesamt spitze. Ich kann zu dem weiteren lukullischen Angebot keine bewertende Aussage treffen, jedoch ist das von mir Genossene und gerade auch in Verbindung mit der erlebten Atmosphäre bereits eine riesige Empfehlung wert. Geht da hin!

ORA

ORA

Oranienplatz 14
10999 Berlin-Kreuzberg
Öffnungzeiten:
Montag bis Freitag ab zwölf
Am Wochenende ab halb zehn

Web: www.ora-berlin.de
Mail mail@ora-berlin.de

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Author

Steffen Sinzinger

Steffen Sinzinger, Jahrgang 1980, ist ein in Berlin lebender Küchenchef und seit nun mehr als 8 Jahren ein passionierter Foodblogger. In der deutschsprachigen Bloggerszene ist er ein fester Bestandteil und spricht mit seinen breitgefächerten Themen sowohl die professionellen Köche als auch die am heimischen Herd kochende Fraktion an.

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