Discoeat

Als ich neulich von einem Freund darauf angesprochen wurde, wie ich Discoeat finde, musste ich fast schon laut schreien. Discoeat klingt mit diesem weirden Namen schon recht nichts sagend. Doch das Konzept hat es in sich. Verkörpert es doch alles, was sich kein Gastronom wünscht. Eine reine „billig will ich“-Kultur im eigenen Laden. Ist man in Dingen wie Ernährung so langsam auf dem Vormarsch, die Bevölkerung zu sensibilisieren, dass gutes Essen und guter Service einfach mal einen Preis haben, geht man hier einen konträren Weg. Hier spricht einzig und alleine der Tiefpreis, koste es was es wolle. Warum das so ist, ist schnell erklärt.

Was ist eigentlich Discoeat

Als die Jungs von Discoeat kürzlich in unserem Restaurant erschienen sind, um das Konzept vorzustellen, war ich recht aufgeschlossen und open minded. Ich mag die Konnektivität mit dem Handy und der sinnvollen Erweiterung, damit gute Foodspots ausfindig zu machen sehr. Ich bevorzuge das viel mehr als die gängigen Printmedien, da es prinzipiell einfach ist, so zu navigieren und schließlich für uns nachhaltigeres Marketing ist. Die Idee hinter Discoeat ist, leere Plätze im Restaurant Geschichte werden zu lassen und mehr Kunden in selbige zu locken, damit diese den Profit ankurbeln können. Wessen Profit das sein soll, wird erstmal hinter der Hand gehalten.

Essen fast schon zum Nulltarif

So haben die Gründer eine rigorose Strategie entwickelt, eine Discount- Strategie. Sowas hat es ja noch nie gegeben, dass jemand Rabatte auf das eigene Produkt anbietet. Dafür bieten sie eine sogenannte „Marketing-Expertise“ an. Sie gehen davon aus, dass Restaurants über den Tag hinweg immer Zeiten haben, wo sie leer stehen oder kaum besetzt sind. In diesen Zeiten soll der Gastgeber dann ein dynamisches Preismodell anbieten.

Kein neues Konzept – ist in der Hotellerie üblich

Sowas gibt es ja bereits in Berlin. Ein sehr bekanntes Restaurant namens „Nobelhart & Schmutzig“ hat ein derartiges Modell am Start. Nur mit einem eklatanten Unterschied, wie Ihr gleich sehen werdet.
Das Sternerestaurant zieht die Preise an, wenn es voller wird und ruft normale Preise auf, wenn das Geschäft auch entsprechend besucht ist. Bei Discoeat geht man die Billignummer an.

Man könne doch als Gasthausbetreiber die Preise stark reduzieren und Discount geben. Uns wurden angeboten, in mehreren Zeitslots zu je 30 Minuten Stufen, Discount von 10 bis 50 % anzubieten. Dabei sollten die 50 Prozent wenigstens einmal täglich für 30 Minuten angeboten werden. 50 % RABATT… in Worten F Ü N F Z I G P R O Z E N T. Wer macht sowas?

50 % Rabatt – Billig will ich

Begründet wird dieses Vorhaben mit der Argumentation, man könne ja so seine laufenden Kosten decken und die eigene Marke schützen, da man die Discounts nicht selbst sondern über eine dritte Company wie Discoeat anbietet. Als ich mir diese Argumentation angehört hatte, musste ich wirklich mit mir kämpfen, ruhig zu bleiben.
Im Kern bedeutet es nämlich nichts anderes, als dass ich bei jedem Gast als Unternehmer drauf zahle. Und dieser Betrag steigt, je mehr er bestellt.

Das ist für den Gast nicht zwingend logisch, er weiß ja nicht, was ein Gastronom normalerweise für Gewinn macht. Das ist in der Regel nicht mehr als 5 bis 10 % vom Umsatz. Von 10.000 Euro Umsatz hat ein Betreiber also bis zu 1.000 Euro über wenn alles gut läuft und alle Rechnungen bezahlt hat.

Wenn ich dann mit diesem Konzept kooperiere und meinen Gästen bis zu 50 % auf meinen Verkaufspreis geben und somit nicht nur ausschließe, dass ich meinen Gewinn einfahre sondern anteilig auch meine Kosten nicht mehr gedeckelt bekomme, wie soll ich dann eigentlich gewährleisten, dass ich so Dinge wie Mindestlohn, geschweige denn von fairer Bezahlung der Mitarbeiter, über qualitativ hochwertiger Ware, die ja auch in diesen Zeiten über den Tresen gehen soll, bezahlt werden können. So ein dynamisches Rabattsystem mag ja in Hotels funktionieren, wo die Zimmer ja ohnehin da sind. Bei Essen und Getränken im Restaurant steht aber noch eine Arbeitsleistung samt Produkt dahinter. Ich wäre doch schön blöd, wenn ich für Dumpingpreise Spitzenqualität abliefern würde. Und das nicht nur temporär sondern laut Vertrag Tag für Tag.

Ist das legal?

Ich frage mich außerdem, ist solch ein dauerhafter Tiefpreis über die App unter dem normalen Preis überhaupt zulässig? Denn ein Rabatt kommuniziert ja unweigerlich zwei Preise. Den Normalpreis und den Rabattpreis. Der anfängliche Referenzpreis stellt ja die Qualität des Produktes dar. Will heißen, wenn ich einen Seeteufel mit Beilagen für 24,50 € anbiete, dann darf man bei diesem Preis davon ausgehen, dass der bestimmten Kriterien in der Zubereitung und Darbietung über einen angemessenen Service entspricht. Schau ich in die App, gibt es da teilweise Restaurants, die bieten rund um die Uhr Discounts von 10 bis 30 Prozent und mehr an. Da gibt es überhaupt nicht den Zwang, jemals den normalen Preis zu buchen, weil über die App dieser offenbar zu keinem Zeitpunkt bezahlt werden muss.

Ist das noch rechtens? Das wage ich zu bezweifeln. Und sollte sich der Verbraucher dann in erster Linie freuen, dass er Geld spart, empfehle ich, einen Schritt weiterzudenken. Kein Gastronom betreibt sein Business zum Selbstzweck. Wenn also der Betreiber in der Lage ist, teilweise sein Food mit 40 Prozent Abschlag zu verkaufen, dann möchte ich nicht wissen, was genau man da serviert bekommt. Wer sauber kalkuliert bekommt doch schon mit einem normalen Wareneinsatz nicht hin. Steht mir dann nur die Hälfte des Verkaufspreises zur Verfügung, dann kann doch was nicht stimmen.

Plus Gebühr für den Anbieter

Dazu kommt noch die Gebühr vom Anbieter, und da reden wir auch nicht von 3,5 € im Monat. Kein Mensch kann davon Mitarbeiter und Warenanbieter fair bezahlen. Für mich ist solch ein System der Steigbügelhalter für ein abfälliges Niveau in der Branche. Jedes Restaurant, welches in diesem Index von Discoeat geführt wird, zweifele ich an und würde ich im Zweifelsfall nicht besuchen. Denn mit dem Eingeständnis, dass sie ihrer eigenen Arbeitsleistung teilweise nicht mal die Hälfte des ursprünglichen Preises wert sind, erweisen sie sich nicht nur selbst sondern der ganzen Branche einen Bärendienst.

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Author

Steffen Sinzinger

Steffen Sinzinger, Jahrgang 1980, ist ein in Berlin lebender Küchenchef und seit nun mehr als 8 Jahren ein passionierter Foodblogger. In der deutschsprachigen Bloggerszene ist er ein fester Bestandteil und spricht mit seinen breitgefächerten Themen sowohl die professionellen Köche als auch die am heimischen Herd kochende Fraktion an.

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