bargeldlos

Bitte bargeldlos heißt es bei mehr und mehr Gastrokonzepten. Bereits drei Geschäftsmodelle, darunter das “The Barn“, die “Public Coffee Roasters” und “Stadtsalat“, haben sich dazu entschlossen, sich dem Bargeld abzuschwören und setzen nur noch auf bargeldlose Bezahlungen mit der Karte. Offenkundig haben deren Gäste kein Problem damit. Warum ich dem absolut nichts abgewinnen kann und ich dort Potential für weitaus größere Probleme sehe, kannst du hier nachlesen.

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No Cash – bargeldlos ist das neu black

In Deutschland liebt der Bürger sein Bargeld. Im Schnitt trägt jeder Deutsche etwas mehr als 100 € mit sich. Zu Hause sollen 2.000 Euro schlummern, in Scheinen und in Münzen. Die meisten wollen (88 %) weiterhin auf das Bargeld nicht verzichten.

Was in den skandinavischen Ländern längst Einzug gehalten hat, ist hier noch in den Kinderschuhen. Möchte man hierzulande den Trends zuerst begegnen, dann reicht in der Regel ein Blick nach Berlin. Dort setzen nun mehr Restaurants auf den strikten Einsatz von Plastikgeld. Die Kaffeehaus- Kette “The Barn” hat alle acht Betriebe in Berlin komplett auf bargeldlose Bezahlung umgestellt und akzeptiert somit keine Scheine und Münzen mehr.

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Vor- & Nachteile des bargeldlosen Bezahlens

Vorteile sehen die Betreiber in dem nun nicht mehr stattfindenden Bargeldhandling, welches eine genaue Abrechnung und Kassenprüfung, weniger bis keine Bankgebühren oder ausbleibenden Bargeldverlust nach sich zieht. Dem stehen natürlich Nachteile, wie Datensicherheit und der vermutlich erschwerte Zugang zu Teilen der Gesellschaft gegenüber. Denken wir da an Menschen, welche technisch vielleicht nicht derart fortgeschritten oder gewillt sind überhaupt mit Kreditkarte oder dergleichen die Rechnung zu bezahlen. All das hat man aufgewogen und ist zu dem Schluss gekommen, in Zukunft bargeldlos zu agieren. Ein großer Fehler, wie ich finde, weil das Argument der Datensicherheit ein enorm großes Feld darstellt, was man nicht klein reden sollte.

Beispielhaft für eine negative Art bei der Ausspähung von Daten ist Edward Snowden. Er kann sich nicht mehr frei bewegen und sollte besser keine Datenspuren mehr hinterlassen. Kann somit keine Kreditkarten nutzen, weil er davon ausgehen muss, dass die Amerikaner ihn immer noch verfolgen. Daher bezahlt er alles in bar, weil es den enormen Vorteil hat, dass es Anonymität schafft. Ein Vorteil, den man ganz gewiss auch nutzen möchte, wenn man vielleicht nicht zwingend von einem Staat beobachtet wird.

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Bargeld schafft Anonymität

Ganz sicher ist das Beispiel von Edward Snowden eines, welches extrem ist. Doch wer kann heute von sich ausschließen, dass er nicht vielleicht auch in mittelfristiger Zukunft zur Zielscheibe einer Überwachung wird. Natürlich ist es ein sehr waghalsiges Exempel für einen schlechten Verlauf von Datenabgreifung. Aber ganz sicher ist wiederum, dass irgendwie jeder zum Opfer werden kann. Da muss man nicht allzeit zurück gehen.

Gerade mit Blick auf unsere jüngere Geschichte, sollte jedem eigentlich noch recht bewusst sein, was es heißt, sorgsam mit den eigenen Daten/Verhalten umzugehen. Vor dreißig Jahren noch hatten wir Spitzel in unseren engsten Reihen, die auch nur jede verwertbare Information weitergetragen haben. Auf welche Art und Weise und vor allen Dingen mit welchen Konsequenzen die Dinge ausgewertet und verfolgt worden sind, hatte in den seltensten Fällen etwas mit Rechtsstaatlichkeit zu tun.

Nach drei Jahrzehnten sind wir bereits wieder sehr taub auf diesem Nerv. Die erste Generation ist bereits auf der Welt, welche davon nie persönlichen Berührung gemacht hatte. Ich selbst hatte im engsten Familienkreis mit der Stasi Erfahrung sammeln müssen und muss sagen, ich brauche das nicht wieder. Hätte dieses Staatsorgan damals den Zugriff auf derartige Technologien gehabt, sie hätten sie angezapft, soviel ist sicher.

Bereits das Grundgesetz nimmt das Recht der eigenen Persönlichkeitsentfaltung sehr genau.

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Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland

Art 2
(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.

Keiner kann von uns wissen, welche Regierung in Zukunft an der Macht ist. Jüngste Wahlen geben da wirklich keine große Hoffnung. Wenn bereits Politiker an Journalisten bei Interviews offenkundig Drohungen aussprechen und Konsequenzen im Falle Ihrer Machtergreifung ankündigen, dann braucht man heute nicht mehr allzu kreativ sein, um zu erkennen, wohin sowas noch führen könnte. Auch hat die AfD in ihrem eigenen Programm eine besorgniserregende Passage zu diesem Thema parat.

Auszug aus dem Programm der AfD zur Digitalpolitik

Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung ist für uns ein wichtiges Gut. Die Grundsätze des Datenschutzes müssen gewährleistet werden. Gleichwohl ist zu überprüfen, ob die Sicherheit der Bürger sowie von Wirtschaft und Industrie vor Spionage bei dieser Frage angemessen berücksichtigt wird. Im Zweifel ist das Recht der Bürger auf Sicherheit höher zu bewerten als das eines Straftäters auf informationelle Selbstbestimmung. Bei der Implementierung von Datenschutzmaßnahmen ist immer der Mehraufwand für die Ermittlungspersonen und die Justiz zu berücksichtigen und sinnvoll abzuwägen. Ziel muss es sein, die Lebensbedingungen für die Mehrheit der Bürger zu verbessern. In der Vergangenheit hat ein ideologisch motiviertes übertriebenes Maß an Datenschutzmaßnahmen die Sicherheitsbehörden gelähmt und unverhältnismäßig bürokratisiert. Die Folge ist mangelnde Sicherheit für rechtschaffene Bürger und Datenschutz für Täter. Die Grundsätze des Zeugnisverweigerungsrechtes aus beruflichen und persönlichen Gründen bleiben unberührt.

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Der Staat streckt seine Fühler nach allen Informationen aus

Wir sehen, dass in den Vereinigten Staaten die Regierung mit aller Macht versucht, an die US- Unternehmen wie Apple & Co. heranzutreten und geschützte Daten der Nutzer anzuzapfen. Auch hierzulande ist das Innenministerium dabei, sich Tür und Tor aufzustoßen, um sich an Dienste wie WhatsApp oder Telegram anzudocken und mitzulesen. Die neuen Medien sind da heißbegehrt und wecken Begehrlichkeiten. Dem Agieren ist Widerstand zu leisten, da er dem Grundgesetz widerspricht. Nur wer uneingeschränkt handeln und sich mitteilen darf, wie es das Grundgesetz vorsieht, der kann sich frei entfalten.

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Doch was hat das mit dem bargeldlosen Einkauf in einem Coffeeshop zu tun?

Der bargeldlose Einkauf sieht ja in erster Linie vor, dem Kunden einen bequemen und primär auch schnellen Bezahlvorgang zu ermöglichen. Die Vorteile beim Gastgeber wiegen am schwersten, wenn es um den effektiveren Abrechnungsprozess am Ende der Tageseinnahmen geht. So weit so gut.

Doch am anderen Ende wird mit jeder Transaktion auch ein Prozess registriert, welcher Auskunft darüber gibt, wer was wann und wo gekauft oder konsumiert hat. Das ist im Einzelfall bei einer Tasse Kaffee vielleicht noch nicht relevant, summiert sich aber bei vielen solcher Minitransaktionen zu einem Profil, was ganz gewiss sehr detailliert Auskunft über eine Person und dessen Verhalten gibt. Somit ergibt ein konsequentes Verhalten, welches Einkauf stets bargeldlos vorsieht, ein immer genauer werdendes Einkaufsprofil, welches mit einer Person verknüpft ist. Es wäre naiv zu glauben, diese Daten würden nicht irgendwo auftauchen. Ein Blick nach China zeigt eine Art Worst Case Szenario. Dort zahlen 850 Millionen Chinesen alles per App. Bargeld ist da nicht mal mehr die Ausnahme. Es ist faktisch kaum noch existent.

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Bargeldlos vs. freie Entfaltung

Wiederum stellt diese Konsequenz das Recht auf freie Entfaltung infrage, wenn ich heute nich weiß, ob ich morgen dafür bei einer staatlichen Instanz, unter welcher Regierung auch immer, Rechenschaft ablegen muss, weil ich dieses oder jenes gekauft bzw. unterstützt habe.

Dahingehend kann man diesen jetzt vielleicht noch harmlos wirkenden Schritt, dass eine Kaffeekette nur bargeldlos Zahlungsverkehr akzeptiert und alle Einkäufe digital registriert, nicht genug überschätzen.

Denn was heute vereinzelt Restaurants tätigen, wenn sie Bargeld nicht mehr akzeptieren, kann morgen sich mehr und mehr ausbreiten und so das Bezahlsystem in eine reine bargeldlose Version konvertieren. Der Leistungsanbieter sollte schon wegen der Grundrechte eine Option zum bargeldlosen Einkauf anbieten müssen, per Gesetz.

Abgesehen davon sehe ich außerdem andere Probleme, welche im Onlinezeitalter immer wiederkehren werden. Erst kürzlich gab es ein massives Datenleck mit zehntausenden Konten in Deutschland, welches bereits Anfang 2016 vollzogen aber erst in diesen Wochen kommuniziert worden ist. Es ging hier um Kreditkartendaten. Ebenfalls wurden in einem Hackerangriff 2012 mehr als zehn Millionen Kreditkartennummern unter anderem von Mastercard und Visa von US- Bürgern gestohlen. Man sieht, hier ist man mit dem Ablegen von privaten Daten alles andere als sicher aufgehoben.

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Fazit:”Für mich bitte nicht bargeldlos.”

Ich ziehe in der Konsequenz nun andere Kaffeehäuser vor oder lasse mich bei den Läden, welche strikt bargeldlos operieren von anderen einladen. Es ist sicherlich auch eine besondere Herausforderung, den nachfolgenden Generationen die Wertigkeit von Geld zu vermitteln, jedoch kann die Bequemlichkeit beim Bezahlen nicht Grund genug sein, eventuell eine der essentiellen Freiheiten zu beschneiden. Ebenfalls muss es für die Strafverfolgung von Steuerhinterziehungen andere Mittel und Wege geben, als den Bargeldverkehr nach und nach abzuschaffen.

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Author

Steffen Sinzinger

Steffen Sinzinger, Jahrgang 1980, ist ein in Berlin lebender Küchenchef und seit nun mehr als 8 Jahren ein passionierter Foodblogger. In der deutschsprachigen Bloggerszene ist er ein fester Bestandteil und spricht mit seinen breitgefächerten Themen sowohl die professionellen Köche als auch die am heimischen Herd kochende Fraktion an.

One thought on “Bargeldlos vs. Anonymität

  1. Thomas on 20. September 2019 at 08:58 Antworten

    Guten Tag, Herr Sinzinger,

    ich lese schon einige Zeit Ihren Blog mit und finde ihn oft anregend. Der obige Artikel überrascht mich nun äußerst positiv. Im Umfeld eines Kochblogs so weit über den Tellerrand zu schauen finde ich gut.

    Gute Gedanken und den Datenschutz auch mal im Alltag betrachtet.

    Gruß

    Thomas

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