Lieferdienst

Wie sich die gastronomische Welt für uns in Zukunft darstellen wird, konnte ich vielleicht gestern schon einmal selbst erleben. Die Brasserie Colette lud aufgrund einer kleinen PR- Aktion für das neue veröffentliche Kochbuch von Tim Raue und Steve Karlsch dazu ein, drei Gerichte aus dem Buch bzw. der Brasserie Colette zusammen mit einigen anderen Foodies verkosten zu dürfen. Natürlich war das nicht in Form eines normalen Restaurantbesuchs möglich. Nach dem persönlichen Lieferdienst mit den Speisen und einem Grauburgunder konnte dann wenig später mein erstes Social Distancing Dinner losgehen.

Lieferdienst

Mit Lieferdienst zum Social Distancing Dinner auf französisch

Das Kochbuch von Tim Raue dürftet Ihr auf dem Blog vermutlich schon gesehen haben. Wie kaum ein zweiter ist dieser Sternekoch in der deutschen Gastrowelt aktiv. Es vergeht kaum ein Jahr, in dem er kein Konzept mitentwickelt und mit eröffnet. Als sogenannter kulinarischer Konsultant ist er für die drei Brasserien in Konstanz, Berlin und München nun seit bereits 5 Jahren verantwortlich.

Die französisch modern angehauchten Speisen tragen seine Handschrift und das mit viel Erfolg. Dass sich das Team in der Brasserie Colette durch die Corona Krise nicht die Laune verderben lässt, kann man an der jüngsten PR- Aktionen erleben. Es wurde zu Tisch geladen, doch nicht in die Brasserie. Nein, den musste man aufgrund der Restriktionen schon selbst decken.

3 Gänge Frankreich

Speisen und Getränke wurden vom kulinarischen Direktor Steve Karlsch selbst geliefert. Nach einer kurzen Instruktion hatte jeder Teilnehmer sich für das Menü um 19 Uhr entsprechend vorbereiten können.

Es gab als Vorspeise den Klassiker, den Salat Colette mit Kichererbsen, Rote Bete Salat, Cous Cous und eine Wildkräutermischung. Das grasgrüne Petersiliendressing rundete alles ab. Viel zu kochen gab es nicht. Die sorgfältig verpackten Bestandteile galt es auf das Steingut zu bringen und den Salat nach dem Marinieren aufzulegen.

Schon konnte es mit dem amüsanten Plausch losgehen. Verbunden wurde man mit Zoom, einer Plattform, die bis vor kurzem auch noch die Wenigsten kannten. Der Austausch sollte im Wesentlichen über das Buch stattfinden, doch gab es mit dem Thema Corona, welches nun wirklich jeden betraf, einen weiteren Schwerpunkt, der sich uns aufdrängte.

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Huhn im Blätterteig

Und so kam es, dass man mit der Zeit vergaß, dass die unterschiedlichen Gesprächspartner nicht einen Raum gemeinsam teilten, sondern über das Internet verbunden waren. Die Grenzen verflossen allmählich und jeder lernte mit der Situation umzugehen und diese zu handhaben. Mit fortwährendem Dinner begann man sich mehr und mehr zu unterhalten und ich hatte auch zu vermeintlich nicht so engen Kontakten, obwohl so eine große Distanz bestand, einen guten Draht gefunden.

Bei all der Konversation vergaßen wir fast beiläufig, dass der Hauptgang von uns selbst noch erwärmt und angerichtet werden musste. Doch der wiederkehrende Hunger erinnerte uns rechtzeitig. Nach einer kurzen Abstinenz präsentierte jeder seinen zweiten Gang. Das waren gebratene Ziegenkäsegnocchi mit Lavendelhonig und Feige. Im Buch umschreibt Tim Raue diesen Gang in etwa so:

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Tim Raue

Und immer wieder die Provence: Das hier ist klassisches Südfrankreich, so wie ich mir es vorstelle. Intensiv duftende, violett blühende Lavendelfelder, die Sonne brutzelt auf der Haut und im Mund der Geschmack von sommerlicher Süße und ländlicher Herbe. Warum etwas unnötig komplizieren, wenn das Einfache so gut ist?

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Weil einfach einfach einfach ist

Simpel war dieser Gang wirklich, nämlich simpel fertigzustellen. Die Gnocchis wurden kurzum in schäumender Butter geschwenkt, bevor danach die Feigen mit den Zwiebeln den Weg in die Pfanne fanden. Diese Kartoffelnudel hat jeder auf seinem Geschirr der Wahl platziert und die Ziegenkäsesauce angerichtet. Sehr spannend war beim Verspeisen dieses Gerichts die Diskussion um das Konzept des Lieferdienstes, welcher seit Bestehen vermutlich nie solch eine Hochzeit gehabt haben dürfte. Die Wachstumsraten waren enorm. Unheimlich viele Konzepte haben sich in Berlin darum bemüht, zu den Kunden nach Hause geordert zu werden.

Dabei gibt es einige, welche darauf setzen, die “letzte Meile” vom Konsumenten zubereiten zu lassen. Will heißen, wie hier bekommt der Kunde die verschiedenen nahezu fertig gekochten Elemente geliefert und man sucht sich selbst aus, wann man diese erhitzt. So kann jeder ein Stück weit selbst, Hand an die Speisen legen und hat ein nahezu frisch zubereitetes Gericht, welches zudem noch Düfte in der Küche empor steigen läßt, die normalerweise nicht in den eigenen Wänden vorherrschen.

Auch das Anrichten ist ein Teil, bei dem sich der Gastgeber vor Ort selbst ein wenig einbringen kann und sich vermutlich viel mehr mit dem Produkt und ergo dem Restaurant von dem es kommt, identifiziert. Dessen bin ich mir sicher.

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Wie hoch ist der Anspruch bei geliefertem Essen?

Die Frage, welche abschließend nicht geklärt werden konnte, war, inwiefern es zum Problem werden könnte, dass der Kunde bei der Bestellung das exakt gleiche Erlebnis und auch die gleiche Qualität erwartet, wie er es vom Restaurant seiner Wahl kennt oder dieser bereit ist, Abstriche hinzunehmen oder überhaupt nicht erst die Erwartung aufbaut, es müsse 1:1 identisch sein. Es gingen die Meinungen in der Gruppe ein wenig auseinander. Ich bin mir sicher, dass sich kaum einer der Illusion hingibt, es würde annähernd vergleichbar mit einem Restaurantbesuch sein. Ich bin überzeugt, dass sich mit dieser Art den Kunden zu näheren sogar ein großartiges Konzept verbirgt, bei dem man mit dem Kunden im Bedarfsfall in Kontakt treten kann.

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Online Casual Dining

Denn solche “Online- meets- and- greets” könnte man im Einzelfall auch mit direktem Videochat zu einer Auswahl von Lieferdienst – Bestellern abhalten und so eine ganz neue Art des Gastgebertums kreieren. Eine, welche in der Lage ist, eigene Geschichten zu erzählen. Eine, die in der Lage ist, mit dem Kunden in Kontakt zu kommen. Ein absolut individuelles Erlebnis wäre die Folge, bei dem die Gäste sich aus der Entfernung heraus mit Gleichgesinnten kurzschließen könnten und so ebenfalls einen Mehrwert aus diesem Erlebnis mitnehmen, welchen sie bei einem “normalen” Restaurantbesuch vermutlich nie gemacht hätten.

Zunehmend schweifte man vom Buch ab, das jedoch natürlich nicht unbesprochen blieb. Schon alleine die drei zur Verfügung gestellten Speisen wurden ausgiebig darin begutachtet.

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Ein typisch französisches Dessert

Das abschließende Dessert musste natürlich ein Crêpe sein. Das war beim Kochen wohl die größte Herausforderung. Hier musste der Teig frisch gebacken werden. Die Masse reichte für drei Crêpes. Einen davon temperierte jeder und bestrich ihn mit einer Bananenfüllung und rollte diesen zu einer Roulade auf. On top gab es noch eine angenehm geschmeidige Karamell- Buttersauce und daneben ein cremiges Vanilleeis. Für den Cruncheffekt sorgte das Nougat de Montelimar. Ebenso schlicht wie die ersten zwei Gänge überzeugen konnten, wußte das Dessert ebenfalls die komplette Runde von sich einzunehmen.

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Natürlich neigte sich der Abend irgendwann dem Ende zu und die ersten Teilnehmer verabschiedeten sich, um entweder für das eigene Kind zu sorgen oder um noch einmal zu später Stund ins Home- Office zu verschwinden. Resümiere ich den Abend und müsste alle Vor- & Nachteile eines derartigen Social- Distancing- Dinners zusammenfassen, so sähe das wie folgt aus:

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Lieferdienst – Vorteile

    • man kann sie weltweit abhalten, vorausgesetzt, jeder kann sich mit Speisen selbst versorgen
    • bestellt man die Speisen wie hier bei einem lokalen Anbieter, hält sich der Aufwand beim Kochen enorm in Grenzen
    • der Abwasch ist um ein Vielfaches kleiner
    • es bleibt mehr Wein für einen selbst
    • man kann so lange bleiben, wie man mag
    • man hat keine ungebetenen Gäste und wenn doch, kann man die per Knopfdruck auf stumm stellen … wo gibt’s sowas draußen schon?
    • man braucht sich lediglich bis zur Hüfte einkleiden, der Rest bleibt, wenn man denn aufpasst, ungesehen
    • die Rechnung ist schon beglichen
    • beim „Kompliment an den Koch“ kann man sich selbst auf die Schulter klopfen

Lieferdienst – Nachteile

    • der Service muss von einem selbst geleistet werden und der kann je nachdem schon ganz schön schlecht sein
    • man kann schlecht Essen nachbestellen, was man nicht vorsorglich geordert hat
    • es fällt oft Verpackungsmüll an
    • das Teilen mit dem Tischnachbarn fällt unheimlich schwer
    • der angerichtete Teller sieht dann vermutlich doch etwas sagen wie “anders” aus

Das Lieferdienst – Fazit

Summa summarum muss ich jedoch anerkennen, dass selbst solch ein virtuelles Dinner einen großen Reiz für mich hat. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass solch ein Umgang mit dem Gast einen gewissen Charme hat und mit dem Chat, der zusammen mit einem Gastgeber vom Restaurant sein könnte, der persönliche Draht nicht verloren gehen müsste. Ich wünsche mir sehr mehr davon.

Lieferdienst

PS: By the way gab es einen derartigen Lieferdienst bereits vor zwei Jahren. Damals hieß es noch “Eating with the Chefs” und versprach eine Lieferung des gewünschten Menüs deutschlandweit mit DHL. Wenn Ihr mehr darüber erfahren wollt, klickt hier.

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Author

Steffen Sinzinger

Steffen Sinzinger, Jahrgang 1980, ist ein in Berlin lebender Küchenchef und seit nun mehr als 10 Jahren ein passionierter Foodblogger. In der deutschsprachigen Bloggerszene ist er ein fester Bestandteil und spricht mit seinen breitgefächerten Themen sowohl die professionellen Köche als auch die am heimischen Herd kochende Fraktion an. Als vermutlich Deutschlands einziger Küchenchef produziert er regelmäßig seinen eigenen Blog.

2 thoughts on “Ersetzt der Lieferdienst den Restaurantbesuch?

  1. Nicht-Die-Anna on 30. April 2020 at 20:27 Antworten

    … und trotz all der netten Vorteile, wünsche ich mir von Herzen die Zeit zurück, in der man sich im Restaurant rundum verwöhnen lassen darf!

  2. […] Ersetzt der Lieferdienst den Restaurantbesuch? […]

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