doppelte Dummheit

K

ollegen, Wir müssen mal die Kirche im Dorf lassen. Die Restaurants werden schließen. Das wird ab dem nächsten Montag umgesetzt werden. Das ist tragisch und für mein persönliches Empfinden eine notwendige Konsequenz. Der Umgang mit diesem Beschluss der Regierung, die einstimmig ausfiel, ist höchst divers, doch schlägt er bei den meisten Gastronomen ins Negative, weil sie sich im Stich gelassen fühlen und befürchten, dass dadurch die Hälfte der Konzepte sich nicht mehr erholen wird. Doch empfinde ich das Verhalten und die zugesagten Unterstützungen alles andere als verantwortungslos und würde im Entferntesten nicht dazu übergehen, das Verhalten als doppelte Dummheit zu bezeichnen, wie es ein bekannter Küchenchef gestern getan hat. Ganz im Gegenteil.

Das Schließen der Lokalitäten ist nach wie vor richtig und wichtig. Klar ist, dass das RKI bekannt gegeben hat, dass von den bekannten Infektionen nicht davon auszugehen ist, dass der Großteil nicht durch die Gastronomie weitergegeben wird. Das ist korrekt. Doch hier spricht das RKI nur von den aufgeklärten Fällen. Richtig ist aber ebenso, dass viele der Infektionsketten (ca. 50 %) überhaupt nicht klar sind, wo sie herkommen. Insofern ist darüber vermutlich auch schwer zu sinnieren, inwiefern die Ursprünge in der Gastro liegen oder eben nicht. Mir ist da die sichere Variante lieber, als wegen wirtschaftlicher Interessen die Kontrolle über die Pandemie aufs Spiel zu setzen.

Der Lockdown ist
richtig und wichtig!

Überhaupt stört mich, dass man sich unstudierte (Sterne-) Köche, dazu erheben, wissenschaftliche Analysen zu tätigen oder renommierte Wissenschaftler in den Dreck zu ziehen. Denen käme vermutlich auch kein ungelernter stellvertretender Küchenchef ins Haus. “Schuster, bleib bei deinen Leisten.” Wir sollten alle froh sein, dass wir zu diesem Zeitpunkt eine Dame aus der Wissenschaft als Kanzlerin haben. Das ist nicht hoch genug anzurechnen.

Kann es wirklich unser Ziel sein, den Wunsch, unser Restaurant weiterführen zu können, vor die Gesundheit der Mehrheit zu stellen? Haben wir wirklich vor, all das aufs Spiel zu setzen?

Jeder argumentiert mit all den Gründen, die in den Medien vorgeführt werden rum und biegt sich die Wahrheit so, wie er sie gerade braucht. Aber bleiben wir doch einmal bei den bekannten Fakten? Wenn es nämlich heißt, der Staat würde uns im Stich lassen, dann frage ich mich, ob sich die Gastronomen, allen voran die laut leidenden Promiköche, wirklich mit der Materie befasst haben.

doppelte Dummheit
Alexander Herrmann im Gespräch mit Liane von Billerbeck vom Deutschlandfunk Kultur • Beitrag vom 28.10.2020

„Ein Lockdown der Gastronomie ist eine doppelte Dummheit``

doppelte Dummheit

Keiner kann amerikanische Verhältnisse haben wollen.

Das Interview mit Alexander Herrmann empfinde ich beispielsweise als bezeichnend. Meiner Meinung nach blendet er komplett aus, was die Regierung eigentlich alles an Unterstützung für den zweiten Lockdown in die Wege geleitet hat.

Denn diese Regierung hat erklärt, dass 70 bis 75 % der Umsätze aus dem gleichen Monat des Vorjahres ersetzt werden. Will heißen, der Restaurantbetreiber schickt seine Leute in Kurzarbeitszeit, deren Löhne bezahlt folglich der Staat. Der Restaurantbetrieb wird eingestellt. Somit sind eigentlich nur geringe Stromkosten als auch die Miete zu bezahlen.

Dafür erhält er bis zu 75 % der Umsätze aus dem Vorjahreszeitraum. Dem entgegen steht keine Arbeitsleistung, die er zu erbringen hat, bzw. Gäste, die er bewirten muss. In der Konsequenz bekommt jeder Gastronom einen Monat, wo er mal durchatmen kann und nicht hoffen muss, dass das Indoorgeschäft wieder anzieht. Ein kalter Monat wird vom Staat überbrückt. Man kann mal Luft holen und weiter an den Konzepten arbeiten, um sich vielleicht anders nach dem zweiten Lockdown aufzustellen.

doppelte Dummheit

Der Staat ist keine eierlegende Wollmilchsau

Wovon man sich aber vielleicht mal endlich verabschieden sollte, ist der Gedanke, dass der Staat eine eierlegende Wollmilchsau ist und für die Gastronomen eine Art Vollkaskoversicherung darstellt. Sicherlich hat die Gemeinschaft die Aufgabe, den stärker betroffenen zu helfen, aber sicherlich nicht auf Kosten von drei oder vier Generationen nach uns, die am Ende das überschuldete System wieder reparieren müssen. Nochmal. Der Lockdown ist keine doppelte Dummheit – sondern ziemlich angemessen. Daran werden wir nicht kaputt gehen, ganz im Gegenteil.

Author

Steffen Sinzinger

Steffen Sinzinger, Jahrgang 1980, ist ein in Berlin lebender Küchenchef und seit nun mehr als 10 Jahren ein passionierter Foodblogger. In der deutschsprachigen Bloggerszene ist er ein fester Bestandteil und spricht mit seinen breitgefächerten Themen sowohl die professionellen Köche als auch die am heimischen Herd kochende Fraktion an. Als vermutlich Deutschlands einziger Küchenchef produziert er regelmäßig seinen eigenen Blog.

16 thoughts on “Der Lockdown ist keine doppelte Dummheit

  1. Tim Oberstebrink on 29. Oktober 2020 at 07:50 Antworten

    Danke Steffen! Du sprichst mir aus der Seele. Auch wenn ich nicht für Schließungen bin ist es doch wohl „epidemiologisch“ betrachtet die vernünftigste Lösung.

    1. Steffen Sinzinger on 29. Oktober 2020 at 08:07 Antworten

      Sehr gerne Tim. Sie ist sogar ökonomisch aus Sicht der Betreiber die beste Lösung, da sie so vermutlich mehr Knete einnehmen. 🙂 Das sieht momentan nur kaum einer.

      1. Tim Oberstebrink on 31. Oktober 2020 at 15:46 Antworten

        Völlig richtig, ich habe bereits Ende April davor gewarnt, den Laden wieder aufzuschließen, ohne das genau durchgerechnet zu haben. Statt dessen muss man sich beschimpfen lassen als Netzbeschmutzer und einer, der damit den Kollegen einen Schlag ins Gesicht verpasst.

        Ich verstehe ja jeden Frust, das Leben am Herd ist ein Sinnliches, aber jeder muss auch Unternehmer sein.

        Wahrscheinlich werde ich auch angefeindet, wenn ich sage: Es werden nur 75% der Umsätze erstattet, die im November 2019 auch gemeldet wurden. Honni soit qui mal y pense…

        1. Steffen Sinzinger on 31. Oktober 2020 at 18:33 Antworten

          Sicherlich sind wir alle gerade in einer sehr schlechten Situation, die irgendwo ausweglos erscheint. Wir haben hier in Deutschland ein hervorragendes System, welches gerade massiv Schulden aufbaut, die vermutlich von uns selbst nicht mehr abgebaut werden können. Ich erinnere nur ganz vorsichtig an den Generationenvertrag. Ich hoffe, das wird auch den Köchen irgendwann mal bewusst, die jetzt so lautstark Rabatz machen.

  2. Stefan Hettinger on 29. Oktober 2020 at 08:48 Antworten

    Endlich sagt mal ein Gastronom, was Sache ist und bleibt bei den Fakten. Danke für diesen öffentlichen Beitrag. Tausend Mal besser, intelligenter und solidarischer, als die Heulsuse im Fernsehen.

    1. Steffen Sinzinger on 29. Oktober 2020 at 08:52 Antworten

      Welche Heulsuse ist es denn dieses Mal gewesen?

  3. Andreas on 29. Oktober 2020 at 11:14 Antworten

    Genau. Die Gastronomie sollte das Angebot des Staates über die finanzielle Abfederung klugerweise nicht ausschlagen. Im November 2019 war die Welt noch in Ordnung. Da kann jede Bude mal locker diesen Scheck einstecken, ohne was dafür tun zu müssen. Von diesen damaligen Umsätzen träumt schon seit Monaten jeder Wirt. Es ist im Grunde genommen eine Verblendung, wenn beharrlich behauptet wird, daß von der Gastronomie keine Gefahr ausgegangen ist. Wo fanden denn die Hochzeiten statt ? Auf dem Acker? Wo stehen denn die Gäste des Abends wie Trauben an den Eingangstür ? Beim Lottoladen? Nie kamen Bars in die Schlagzeilen wegen Überfüllung oder unzureichender Registrierung? Das RKI behauptet, die Infektionsketten nicht mehr nachvollziehen zu können, also auch keine Ģästeverfolgung. Aber die Gastronomie bildet sich ein, es besser zu wissen, an der Pandemie absolut unbeteiligt zu sein. Immer die anderen.

    1. Steffen Sinzinger on 29. Oktober 2020 at 13:18 Antworten

      Absolut treffend beschrieben. Wenn ich in Gastronomien unterwegs gewesen bin, konnte ich bei der Hälfte der Restaurants nur unzureichende Maßnahmen feststellen. Alles war eher nach Marke Zufall gestrickt. Es sind natürlich immer die anderen. Die Kirsche auf der Torte war ja erst die Fetisch Party in Berlin mit 600 Teilnehmern. Das kann man nicht erklären.

  4. Steph on 29. Oktober 2020 at 12:55 Antworten

    Ich finde es gut dass hier jemand mal über den eigenen Tellerrand schaut. Jede Infektion weniger bedeutet am Ende der Kette nämlich weniger Meldungen von Ausbrüchen in Pflegeheimen. Man braucht nur mal ins Ausland schauen um zu erkennen wie vernünftigt unsere Regierung bisher agiert hat.

    1. Steffen Sinzinger on 29. Oktober 2020 at 13:20 Antworten

      Hallo Steph, danke für den Zuspruch, Du kannst Dir nicht vorstellen, wieviel Gegenwind ich hier aus den eigenen Reihen abbekomme. Momentan ist der Ton noch in Ordnung aber ich bin gespannt, wie es zu späterer Stund bei Facebook ausschaut. Vielen fehlt einfach die Besonnenheit, die Dinge im Großen und Ganzen zu sehen. Die sehen den eigenen Laden und das was drum herum passiert, wird ausgeklammert.

  5. Scooter on 30. Oktober 2020 at 16:58 Antworten

    Vielen Dank für Ihren Beitrag, der mal nicht den eigenen Teller sieht bzw. doch und die wunderbare Tugend aus der Not macht – “mal einen Monat Luft holen und neue Konzepte erarbeiten”
    Finde ich wunderbar im Ansatz a.s die merkwürdigen Auftritte der Sterneköche im Fernsehen. Ich frage mich schon, wie Leute, die gefühlt mehr im Fernsehen rumgeistern und für ihre Häuser, wenn überhaupt nur noch den Namen geben, da überhaupt noch mitreden können. Aber die Präsenz (im Fernsehen) und nicht am Herd macht da die Quote. Selbst Schuld, wer es noch anschaut.
    Außerdem gibt es ja noch andere Lösungen, wenn es denn wirklich nicht ohne Umsatz geht: “Essen außer Haus” zu liefern bzw. man fertigt es nach Bestellung zur Abholung. Das kann man auch planvoll machen, indem man nur Bestellungen für die nächsten Tage annimmt und nicht auf den Besteller wartet. Die meisten Leute, die ich kenne planen einen Restaurant Besuch und gehen nicht einfach mal wo hin, weil einem gerade nichts besseres einfällt. Was würde es denn nun ändern, wenn man Essen im Restaurant der Wahl für den nächsten Tag oder das Wochenende vorbestellt… ach so man sitzt dann gemeinsam gemütlich zu Hause und muss die Flasch Wein selbst öffnen.
    Das Geschäft in der Zeit ist sicher hart. Aber für wen ist es nicht? Im Restaurant-Bereich gibt es noch Lösungsmöglichkeiten, zugegeben nicht immer die angenehmsten, aber andere Bereiche z.B. die Kulturszene haben da deutlich weniger Alternativen.

    Und nochmal Danke für Ihren ehrlichen Beitrag!

    1. Steffen Sinzinger on 31. Oktober 2020 at 18:44 Antworten

      Hallo Scooter,
      Wie ich sehe, haben Sie auch eine eigene Vorstellung davon, wie Sie sich als Kunde die Tage zu Hause kulinarisch aufwerten können. Daher finde ich es auch löblich, wenn Sie sogar so die Restaurants unterstützen. Und genau das ist auch wichtig. Ich weiß sehr wohl, einen schönen Service zu schätzen, wie es ist, am Herd zu stehen und Gästen das Essen zuzubereiten ist auch etwas, was ich sehr vermisse, doch das geht unter diesen Umständen kaum. Somit müssen wir besser noch ein wenig warten und schon lange nicht versuchen, die Gesellschaft mit derlei Hasstiraden auf unsere Regierung oder auch einzelne Personen zu spalten. Das ist verwerflich und sagt sehr viel über all die Protagonisten aus. Ich habe mir sehr viel persönliche Anfeindungen gefallen lassen müssen, nachdem ich all das geschrieben habe. Ich werde auch daraus meine Konsequenzen im Umgang mit social Media ziehen. Es ist bedauerlich, wie rechtsfrei dieser Raum im Internet behandelt wird. So lange das so ist, bleibt eigentlich nur das Feld den Hatern zu überlassen, denn die sind einfach zu viele und auch viel zu laut.

    2. Carl on 1. November 2020 at 23:17 Antworten

      Vielen Dank. Du sprichst mir aus der Seele.

  6. Thomas Baron on 31. Oktober 2020 at 13:31 Antworten

    Hallo Steffen, absolut auf den Punkt gebracht, eine toller Beitrag! Bleib Gesund!

    1. Steffen Sinzinger on 31. Oktober 2020 at 14:58 Antworten

      Hallo Thomas, langsam denke ich auch über den Stunt von Böhmermann nach, alles an sozialen Medien zu löschen. Da ist so viel Hass, Fake News und Rassismus. Der Mensch mit einer anderen Meinung wird da nicht als Mensch sondern eher als Feind gesehen. Zuspruch hilft da viel. Ich bin mir sicher, wir schaffen das auch.

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